Jüdisches Leben in der Schweiz im Abschwung
Zürich [ENA] Es fühlt sich widersprüchlich an, ist jedoch trotzdem in vollem Gang: Die Herabstufung öffentlich bekundeten jüdischen Lebens in der Schweiz korreliert mit einer faszinierenden "Jetzt-erst-recht-Mentalität": In Zürich wird innert nützlicher Frist ein sogenannter Eruv, ein Schabbat-Zaun, unsichtbar um von jüdischen Bewohnern bevölkerte Quartiere gespannt sein, was eine regere Beteiligung des Gemeindelebens ermöglicht.
Jüdische Schweizer, die ihre Religion auf traditionelle Weise praktizieren, bedürfen einiger Regelungen im öffentlichen Raum, um das spirituell wie sozial kostbare Juwel – den von jeglicher physischer Arbeit u. Geschäftstätigkeit befreiten Schabbat – so zu begehen, dass gewisse Verbote elegant und halachisch (religionsgesetzlich) sauber "umgangen" werden können. Tragen von Gegenständen, auch das Stossen von Kinderwagen oder Rollstühlen ausserhalb der häuslichen Umfriedung, ist nicht erlaubt. Dies führt dazu, dass etliche Leute verhindert sind, an Gottesdiensten in den Quartiersynagogen teilzunehmen. Dank Absprache mit d. Behörden u. dem Stemmen nicht unwesentlicher Gestehungskosten für den Eruv, wird nun Zürichs jüdisches Leben attraktiver.
Die jüdische Bevölkerung der Region Zürich beträgt etwa 7000 Menschen. Verlässliche Statistiken existieren keine, da man die Religionszugehörigkeit in den amtlichen Papieren nicht hinterlassen muss. Noch bis in die 70er Jahren war sie offiziell in den Reisepässen eingetragen. Ein Jude war der biblisch konnotierte "Israelit", was nicht selten zur Annahme verleitete, es handle sich um einen im Staate Israel Geborenen. Knapp die Hälfte der Schweizer Juden ist keiner öffentlich-rechtlichen oder vereinsrechtlichen Gemeinde angeschlossen. Daher kommt es, dass der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) als offizielle Repräsentanz der Schweizer Juden mit 18 angeschlossenen Gemeinden nur knapp die Mehrheitsfähigkeit zu beanspruchen vermag.
Die Mehrheit der Schweizer Juden ist äusserlich nicht anhand ihrer Kleidung erkennbar. Sie bewegt sich mehr oder minder unerkannt zwischen den Menschenströmen. Und sollte ein Jude nicht anhand einer besonderen Aussprache oder eines identitätsstiftenden äusseren Zeichens auffallen, ist er integraler Teil der multinationalen Völkerschaften und Religionsvielfalt, die die Schweiz reichhaltig aufweist. Besonders tragisch wirkt sich der Umstand aus, dass selbst Juden, die mit Israel nichts am Hut haben oder diese Komponente in ihrem Leben aus gesellschaftsstrategischen oder ideologischen Gründen bewusst getilgt haben, mitunter unliebsam von einer momentan ziemlich antisemitisch geprägten Politkultur an ihre ethnische Abstammung erinnert werden.
Nicht nur ihre Abstammung nicht verleugnende, sondern auch als "nützliche Idioten" von den Medien hofierte Juden mit gewissem Selbsthass und aufgesetzter Feindesliebe – letztere lautstarke Minderheit scheut sich nicht, an Pro-Hamas-Demonstrationen, die allwöchentlich vornehmlich in den rot-grün regierten Grossstädten ihre judenhetzerischen Parolen "Free, free Palestine from the River to the Sea" und "Globalize the Intifada" von sich geben, mitzumarschieren – sind genötigt, sich unterm Radar zu bewegen. Anfeindungen auf offener Strasse, begleitet von Rempeleien, verbalen Beleidigungen, Spucken, Graffiti-Schmierereien mit "Genozid"-Vorwürfen bis hin zur Mordattacke und versuchter Brandstiftung von Synagogen, sind an der Tagesordnung.
Zwar weilen fast alle Holocaust-Überlebenden, die die Hitler-Diktatur und den Ausschluss aus der Gesellschaft in ihren jeweiligen Heimatländern persönlich erfahren haben und sich in die Schweiz retten konnten, mittleweilerweile nicht mehr unter den Lebenden. Doch ihre Kinder und selbst die dritte Generation nach der Schoah tragen die DNA des Verfolgt-Werdens in sich und verhalten sich entsprechend alles andere als normal. Wer der hebräischen Sprache mächtig ist, unterhält sich auf offener Strasse bloss mit gedämpfter Stimme, wer im Zug sitzt, dialogisiert mit seinem Gegenüber so, dass man nicht über Israel und Juden spricht, sondern bloss in lautmalerischen Andeutungen.
Bei Warenlieferungen ins Haus erkundigt man sich sicherheitshalber, Leute welchen Namens mit dem Auftrag betraut wurden, bei Taxibestellungen wird öfters der richtige Name, sollte er jüdisch klingen, durch einen unverdächtigeren ersetzt, jüdische Institutionen werden nicht direkt angefahren, um nicht, wie das immer häufiger passiert, von einem moslemischen Chauffeur auf der Strasse herausgeschmissen zu werden. Bücher mit hebräischen Schriftzeichen werden verborgen gehalten, die David-Kette, so nicht abgelegt, unterm Hemd versteckt. Statt einer Kippa tragen jüdische Männer vermehrt Schildkappen, Bedenken vor dem Erkannt-Werden durch Nachbarn und auswärtiges Dienstpersonal als Jude führt dazu, dass die Mesusa vom Türpfosten entfernt wird.
Das giftige Klima, in dem Schweizer Juden stecken, zumal auch die Behörden nicht ihren Schutz über sie ausbreiten, indem man z.B. antisemitische Verstösse hart durch die Justiz ahnden lässt, verleitet teilweise zu irrationalem Verhalten. Selbst jüdischen Kindern, die in zunehmend von islamischen Migranten bevölkerten Klassen ihre Schulpflicht absolvieren, verschlägt es den Atem, wenn sie gewärtigen müssen, dass sie nicht gleichbehandelt werden von ihren Kameraden und machmal auch der Lehrerschaft. Kommt hinzu, dass ein Jude generell irgendwann im Austausch aufgefordert wird, sich von Israels Politik zu distanzieren, ansonsten er seine Gesellschaftsfähigkeit verwirkt habe.
Wenn Juden selbst beruflich harte Zeiten durchlaufen, sollten sie ein Bekenntnis über ihre Sicht Israels verweigern und nicht, wie fast schon erwartet wird, Selbst- oder "Israelkritik" üben, dann ist nicht weiter verwunderlich, dass man tief stapelt und seine Sympathien für den jüdischen Staat nicht an die grosse Glocke hängt, sondern ein angepasstes Verhalten an den Tag legt, um ja nicht gesellschaftlich anzuecken. Kommt hinzu, dass sämtliche jüdische Schulen, Synagogen, Altersheime, Restaurants und sogar Friedhöfe wegen Terrorgefahr einem Sonderstatus unterliegen. Kein Nichtjude kann aus Verbundenheit oder Interesse "einfach so" eine jüdische Institution aufsuchen. Vorherrschendes Gefühl ist, wie in einer Sicherheitsschleuse, der Argwohn.




















































